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Flächendeckende Landnutzungsmodelle von Österreich aus Fernerkundungsdaten *

R. Ecker, A. Sindhuber (Institut für Photogrammetrie und Fernerkundung, TU Wien)
K. Steinnocher (Österreichisches Forschungszentrum Seibersdorf, Hauptabteilung Umweltplanung)

Veröffentlichung: Salzburger Geographische Materialien, Heft 22, 1995


* Die methodischen Grundlagen zum vorliegenden Anwendungsbericht wurden in der Österreichischen Zeitschrift für Vermessung und Geoinformation veröffentlicht: ECKER R., KALLIANY R. und STEINNOCHER K. (1995): Fernerkundungsdaten für die Planung eines Mobilfunknetzes. VGI 1-2/95, S.14-25.

Inhalt


Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit beschreibt die Erstellung von Landnutzungsmodellen aus Fernerkundungsdaten einerseits als Grundlage für die Funknetzplanung und andererseits für den Einsatz in der Umweltplanung. Dazu erfolgt im ersten Schritt die geometrische Entzerrung der Satellitenbilddaten unter Verwendung von Paßelementen und Berücksichtigung der Geländeform. Die daraus entstandenen digitalen Orthophotos werden multispektral klassifiziert und im Anschluß daran zu thematisch homogenen Oberflächenbedeckungstypen zusammengefaßt. Der dritte Schritt umfaßt die Bestimmung der jeweilig geforderten Landnutzungsklassen mit Hilfe eines regelbasierten Postklassifikationsalgorithmus. Dabei werden die lokalen Umgebungen der einzelnen Pixel untersucht und aufgrund der räumlichen Zusammensetzung der Oberflächenbedeckung die Landnutzungsklassen ermittelt. Dadurch ist es möglich, Klassen auszuweisen, die durch eine pixelweise multispektrale Klassifikation alleine nicht erkannt werden können. Als Ergebnis stehen zum ersten Mal österreichweite, digitale Datensätze zur Verfügung, die für beliebige großräumige Anwendungen eingesetzt werden können.


Einleitung

Digitale Landnutzungsmodelle stellen eine essentielle Basis für raumbezogene Planungsaufgaben dar. Auf regionaler oder nationaler Ebene bieten sich zur Erfassung der Landnutzung die Methoden der Fernerkundung an. Sie bieten den Vorteil, die gesuchte Information über unsere Umwelt aktuell, flächendeckend und in digitaler Form erfassen zu können. Das wiederum erlaubt die Erstellung großräumiger Landnutzungsmodelle in relativ kurzen Zeiträumen, wobei die notwendigen Verarbeitungsschritte in hohem Maße automatisiert werden können. Im folgenden werden die einzelnen Prozesse beschrieben, die zur Ableitung von Landnutzungsmodellen für zwei verschiedene Anwendungsbereiche eingesetzt wurden.

Als Datengrundlage wurden Bilddaten des auf dem amerikanischen Fernerkundungssatelliten Landsat 5 installierten digitalen Aufnahmesystems Thematic Mapper (TM) herangezogen. Der TM scannt einen 180km breiten Streifen der Erdoberfläche in sieben Spektralkanälen mit einer geometrischen Auflösung von 30x30m2 pro Pixel (vgl. KRAUS und SCHNEIDER, 1989). Zur Deckung des gesamten österreichischen Bundesgebietes inklusive des benachbarten Auslandes konnten 12 wolkenfreie Szenen erworben werden, die - mit einer Ausnahme - innerhalb von zwei Monaten aufgenommen worden waren. Damit steht für die weitere Verarbeitung ein ideales, weil zeitlich homogenes Bildmaterial zur Verfügung. Abb. 1 zeigt eine Übersicht über die verwendeten Szenen.

Abb. 1: Lage der verwendeten TM-Szenen und der Paßelemente gemeinsam mit dem Blattschnitt der ÖK50


Geometrische Entzerrung

Der erste Schritt zur Erstellung von Landnutzungsdaten auf Basis von TM-Szenen ist die geometrische Entzerrung der Satellitenbilder.

Hierfür muß aufgrund der topographischen Verhältnisse in Österreich ein digitales Höhenmodell (DHM) einbezogen werden. Höhenunterschiede von ca. 230m bewirken bei TM-Szenen bereits eine Lageversetzung von einem Pixel und dürfen daher nicht vernachlässigt werden (ECKER et al., 1995). Für das vorgestellte Projekt wurde auf Basis des Höhenmodelles des Bundesamtes für Eich- und Vermessungswesen ein DHM mit 100m Rasterweite im UTM-System bezogen auf den 15.Längengrad aufgebaut. Dadurch konnte ein für ganz Österreich einheitliches System verwendet werden.

Aufgrund des kleinen Bildmaßstabes ist es schwierig, Paßpunkte in Satellitenbildern zu finden und deren Bildkoordinaten zu messen. Günstiger ist es, stattdessen Paßelemente zu verwenden. Dabei handelt es sich um etwa 2x2km2 große vektorielle Kartenausschnitte, die dauerhafte Lineamente wie Waldgrenzen, Verkehrswege und Ufer von Gewässern enthalten. Am Institut für Photogrammetrie und Fernerkundung besteht für Österreich eine Datenbank mit 243 Paßelementen, deren Bildkoordinaten in den Satellitenbildern gemessen wurden.

Mit dem Programmsystem ORIENT (KAGER 1989) konnten mittels Bündelblockausgleichung die Elemente der äußeren Orientierung jedes einzelnen Scans der Satellitenbilder bestimmt werden. Die Ausgleichung in einem Guß ergab einen mittleren Lagefehler der Paßpunkte im Gelände von ±7m und einen Höhenfehler von ±13m.

Die Bildelementgröße für die parametrische Entzerrung wurde mit 25x25m2 etwas kleiner als die nominelle Auflösung des Landsat TM gewählt. Dadurch ist es auch möglich, reduzierte Datensätze mit Rasterweiten von z.B 50m oder 100m zu erstellen. Für die Berechnung der Orthophotos kam der Modul SCOP.DOP des Programmsystems SCOP zum Einsatz (ECKER et al., 1993).


Klassifikation

Bei den vorliegenden Arbeiten wurde aus operationellen Gründen die Methode der unüberwachten Klassifikation eingesetzt. Der Vorteil gegenüber der überwachten Klassifikation liegt in der schnelleren Verarbeitung großräumiger Bilddaten, da die Auswahl geeigneter Trainingsgebiete a priori einen weit höheren Aufwand darstellt, als die Zuordnung der unüberwacht extrahierten Klassen a posteriori.

Dazu wurde der geokodierte Datensatz in 30 zusammenhängende Gebiete von jeweils ca. 3000 km2 aufgeteilt. Jeder dieser Datensätze wurde unüberwacht klassifiziert, wobei im Durchschnitt jeweils 50 spektrale Klassen extrahiert wurden. Zur genaueren Differenzierung problematischer Klassen wurden das digitale Höhenmodell und der Vegetationsindex als zusätzliche Information miteinbezogen. Die thematische Zuordnung der einzelnen Klassen erfolgte interaktiv mit Hilfe der ÖK 50 und visueller Interpretation der Originaldaten.

Nach der semi-automatischen Überarbeitung der multispektralen Klassifikationsergebnisse liegt ein Datensatz vor, der in einer 25m Pixelauflösung verschiedene Ausprägungen der Oberflächen-bedeckung repräsentiert. Diese Ausprägungen werden in Folge als Primärklassen bezeichnet (z.B. Wald, Grünland, Bebaut, Versiegelt, Fels, Wasser, Agrarflächen, Steinbruch etc.), das Ergebnis dementsprechend als Primärklassifikation.


Postklassifikation

Bestimmte Landnutzungsarten setzen sich aus einer Kombination verschiedener Kategorien der Oberflächenbedeckung zusammen. Durch die hohe räumliche Auflösung des Landsat-TM werden die in ihrer Bedeutung homogenen Landnutzungsklassen (z.B. verschiedene Bebauungsdichten, Industrie) in ihre spektral verschiedenen Komponenten zerlegt; das einzelne Pixel repräsentiert lediglich die Art der Oberflächenbedeckung. In diesem Fall ist es nicht möglich, mit Hilfe der am Pixel ansetzenden, multispektralen Klassifikation direkt Landnutzungsklassen zu identifizieren (vgl. ZHANG et al 1988).

Um die räumliche Verteilung der Primärklassen analysieren und daraus die Sekundärklassen zu ermitteln, wurde eine Methode zur Postklassifikation entwickelt (STEINNOCHER 1994). Der Begriff Postklassifikation versteht sich dabei nicht nur im Sinne "nach der Klassifikation", sondern stellt ein eigenes Klassifikationsverfahren dar, das auf dem Ergebnis einer pixelweisen Klassifikation aufsetzt.

Die Methode basiert auf der Untersuchung der räumlichen Nachbarschaften der einzelnen Pixel des Ausgangsbildes, d.h. in diesem Fall des multispektral klassifizierten Bildes. Diese Nachbarschaft wird über ein Bildfenster definiert, das schrittweise über das Ausgangsbild bewegt wird. In jeder Position des Fensters erfolgt die Berechnung eines lokalen normierten Histogramms. Dieses Histogramm repräsentiert die räumliche Zusammensetzung, d.h. die prozentuellen Anteile der Primärklassen innerhalb der lokalen Umgebung. Die Bewertung der Histogramme erfolgt über ein hierarchisch strukturiertes Regelsystem, wobei die Regeln die prozentuellen Anteile der Primärklassen untersuchen. Das Maß der Generalisierung kann über die Pixelgröße des postklassifizierten Bildes gesteuert werden. So kann z.B. eine 4x4 Umgebung auf die 2x2 mittleren Pixel abgebildet werden, d.h. 4x4 Pixel werden zur Histogrammberechnung herangezogen, die aus dem Regelsystem ermittelte Sekundärklasse wird den mittleren 2x2 Pixel zugewiesen.


Landnutzungsmodell für Mobilfunknetzplanung

Für die Planung zellularer Mobilfunknetze ist neben der Topographie auch die Landnutzung von entscheidender Bedeutung (BÜHLER 1994). Die dafür eingesetzten Programmsysteme erfordern daher ein flächendeckendes digitales Landnutzungsmodell als Grundlage für ihre Simulation der Funkwellenausbreitung. Die relevanten Nutzungsarten dieses Modells (siehe Tab. 1) wurden in Zusammenarbeit mit Nachrichtentechnikern erarbeitet (BÜHLER und STEINNOCHER 1991).

Tab. 1: Landnutzungsklassen für den Mobilfunk

Ausgehend vom Ergebnis der Primärklassifikation wurden die oben angegebenen Klassen mit Hilfe des Postklassifikationsalgorithmus abgeleitet. Dabei erfolgte eine Generalisierung der räumlichen Auflösung auf 50x50m. Der Vergleich der Ergebnisse mit Referenzdaten, die aus Othophotos erhoben wurden, ergibt - unter Berücksichtigung der Definitionsunsicherheit der einzelnen Klassen - eine geschätzte Genauigkeit von über 90%.


Landnutzungsmodell für Umweltplanungen

Für Fragestellungen im Umweltbereich ist notwendig, eine differenzierte Unterteilung der in der vorigen Applikation als offen ausgewiesenen Bereiche durchzuführen. Im Gegensatz dazu wird jedoch keine detaillierte Unterscheidung der bebauten Gebiete gefordert. Das Klassifikationsschema wurde daher an die Ebene 2 der von der Europäischen Union definierten CORINE Landnutzungs-nomenklatur angepaßt. Tab. 2 zeigt die ausgewiesenen Klassen.

Tab. 2: Landnutzungsklassen für die Umweltplanung

Die Erkennung der angegebenen Klassen erfolgt in einem zweiteiligen Postklassifikationsverfahren. Im ersten Schritt werden alle Klassen außer diejenigen der landwirtschaftlichen Nutzung extrahiert, wobei eine lokale Umgebung von 200x200m herangezogen wird. Die Ausweisung der land-wirtschaftlich genutzten Flächen erfolgt auf einem höheren Generalisierungsniveau. Dazu werden die bereits postklassifizierten Gebiete aus der Primärklassifikation ausmaskiert, und die übrigen Flächen mit einer Umgebung von 400x400m analysiert. Diese Vorgangsweise erlaubt es, die dominante landwirtschaftliche Nutzung zu erkennen, und trotzdem kleinräumige Strukturen von bebautem Gebiet, Wald- oder Wasserflächen zu erhalten. Als Ergebnis liegt ein Landnutzungsmodell mit einer räumlichen Auflösung von 100x100m vor.


Literatur

BÜHLER, H., STEINNOCHER, K.:
Deriving land cover data for mobile radio from satellite data. Paper presented at the European Cooperation in the field of Scientific and Technical Research, Lund. COST 231 TD (91)/032.

BÜHLER, H.:
Estimation of radio channel dispersion for mobile radio network planning. Dissertation, Fakultät für Elektrotechnik, Technische Universität Wien.

ECKER, R., KALLIANY, R., OTEPKA, G.:
High quality rectification and image enhancement techniques for digital orthophoto production. 43. Photogrammetrische Woche, Stuttgart 1993.

ECKER, R., KALLIANY, R., STEINNOCHER, K.:
Fernerkundungsdaten für die Planung eines Mobilfunknetzes. VGI 1-2/95, S.14-25, Wien, 1995.

KAGER, H.:
A Universial Photogrammteric Adjustment System. In: Optical 3-D Measurement Techniques, Wichmann, Karlsruhe, 1989.

KRAUS, K., SCHNEIDER, W.:
Fernerkundung Band 1: Physikalische Grundlagen und Aufnahmetechniken. Dümmler, Bonn, 1989.

STEINNOCHER, K.:
Methodische Erweiterung der Landnutzungsklassifikation und Implementierung auf einem Transputernetzwerk. Geowissenschaftliche Mitteilungen, Heft 40, Technische Universität Wien, 1994.

ZHANG, Z., SHIMODA, H., FUKUE, K., MATSUMAE, Y., SAKATA, T.:
New classification algorithms using spatial information for high resolution image data. International Archives of Photogrammetry and Remote Sensing, Vol. 27, B 7, Commission VII, 1988.


Document URL: http://www.ipf.tuwien.ac.at/veroeffentlichungen/re_as_ks_p_agit95.html


 

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